Sollte Kindern und Jugendlichen der Zugang zu Sozialen Medien beschränkt werden? Diese Diskussion beschäftigt auch die Institutionen der Jugendhilfe, denn gerade in den von ihnen betreuten Familien wird die Mediennutzung durch den Nachwuchs oft nicht kontrolliert. Es ist bequem, wenn die Kids ruhig vor ihrem Endgerät sitzen, schon Kleinkinder werden mittels „digitalem Schnuller“ gerne ruhiggestellt.
Lernziel: Kritische Internetnutzung
Die geradezu inflationäre Nutzung von digitalen Medien im Kindesalter hat negative Auswirkungen auf die Sprachentwicklung, die Konzentrationsfähigkeit und auf die physische Entwicklung. So beobachten die Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen beim Jugendamt der Stadt Stuttgart eine zunehmende „Lauffaulheit“ bereits bei kurzen Strecken, wenn zum Beispiel Ausflüge bei den Ferienfreizeiten gemacht werden.
In der dritten und vierten Grundschulklasse haben 99 Prozent der Kinder ein Smartphone, berichtet Kim Göhner von der evangelischen Jugendhilfe Hochdorf. Hier wird aktiv daran gearbeitet, dass die Kinder und Jugendlichen die Gefahren kennen lernen, die im Internet lauern. Dies ist im stationären Bereich einfacher, weil hier die Auseinandersetzung weniger emotional ist als in der Familie und in den Wohngruppen gibt es Kontrollen. Bei den ambulanten Hilfen zur Erziehung müssen die Eltern eingebunden werden. Wenn die selbst lieber auf dem Handy daddeln anstatt mit den Kindern zu sprechen oder zu spielen, sind sie ein Teil des Problems. Deshalb gibt es eigene Nachmittage für Eltern, in denen sie lernen, wie sie sich pädagogisch richtig verhalten und welche technischen Möglichkeiten es gibt, damit die Kinder im Internet geschützt sind. Solche Informationen bietet auch das Jugendamt der Stadt.
Spieleplattform mit Suchtpotential
Besonderes Suchtpotenzial hat die Spieleplattform Roblox, die sich besonders an unter 13-jährige wendet. Statt sich mit Gleichaltrigen zu treffen, wird zuhause gespielt und der Druck unter den Kindern bei Roblox dabei zu sein ist groß. Und allgemein gilt: Wer kein Smartphone besitzt, ist schon in der Grundschule ein Außenseiter. Das berichten die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen der evangelischen Jugendhilfe. Sie haben ein breites Angebot an medienpädagogischen Inhalten erarbeitet. Der Knüller bei den Jugendlichen ist derzeit das Spiel „Escape-Room“, das in der Realschule angeboten wird. Verkürzt beschrieben: Hier bewegen sich die Spieler in einem fiktiven Unternehmen, in dem Menschen nach einem Punkteschema bewertet werden. Diese Bewertungen werden für weitere Spielzüge verwendet. Ziel ist es, Datenschutzverletzungen, Diskriminierungen und Fake News zu erkennen. Viele Jugendliche erleben hier einen Wow-Moment, wenn sie so erfahren, was alles mit ihren locker preisgegebenen Daten passieren kann, berichtet Kim Göhner. In einem anderen Projekt werden die Kinder dazu motiviert, selbst kreativ zu werden und einen Trickfilm zum Beispiel mit Legofiguren zu produzieren, und bei der Video- Rallye durch die eigene Wohnung wird gelernt, welche Bereiche nicht gefilmt werden dürfen, weil sie zu viel von der Privatheit preisgeben.
Keine Verbotskultur
Künftig will die Jugendhilfe bereits von der ersten Grundschulklasse an ein Projekt anbieten, bei dem es um das Erkennen von Fake News geht. Wichtig dabei ist immer der Spaßfaktor, um zu zeigen, was eine positive Nutzung ist. Alle medienpädagogischen Anstrengungen stehen finanziell chronisch auf wackeligen Beinen und „Hilfe für den Nachbarn“ hat die Jugendhilfe Hochdorf in den vergangenen Jahren auf unterschiedliche Weise finanziell unterstützt. Gerade Kinder und Jugendliche, die in prekären Verhältnissen aufwachsen und oft sich selbst überlassen sind, sind besonders empfänglich für falsche digitale Freunde, für Cybermobbing und für Manipulation. Andererseits sollen auch gerade sie – insbesondere jene, die stationär in einer Einrichtung leben – die gleichen Chancen haben, das Internet positiv zu nutzen, zum Beispiel für die Schule, betont Eva Teufel, die Vorstandsvorsitzende der evangelischen Jugendhilfe im Kreis Ludwigsburg.
Deshalb haben in ihren Wohngruppen alle Handys. Wer keines von zuhause aus bekam oder es sich nicht selbst zusammensparen konnte, bekommt von der Einrichtung ein gebrauchtes. „Wir wollen keine Verbotskultur, sondern die Kids in einem geschützten Rahmen heranführen“, erklärt Tobias Kögel, der als Sozialpädagoge Wohngruppen betreut. Dennoch sind sich alle aus der Jugendhilfe einig, dass es für die Entwicklung der Kinder wichtig ist, möglichst lange ohne den Kontakt zu Social Media zu sein. Und da hat die evangelische Jugendhilfe eine Alternative gefunden: Es gibt nun eine eigene App, in der gefahrlos gechattet werden kann.
